Ivette Riegel

Zeitkorridore sind keine Zeitvorgaben!

Bei der gesamten Begutachtung geht es letztlich um die Frage des Zeitaufwandes für die einzelnen Verrichtungen der Grundpflege. Der Gutachter muss also ermitteln,

  • wie häufig und
  • wie lange

jeweils die einzelne Verrichtung dauert. Dabei hat er auch zu prüfen, ob es sich bei den Angaben bzw. der Situation um eine Unterversorgung oder Überversorgung handelt und hat dies entsprechend zu berücksichtigen.

Beispiele:

  1. Wenn die Pflegebedürftige angibt, jeden Tag 3 x zu baden, dürfte dies eine Überversorgung sein, die evtl. auch nicht gut für die Haut ist.
  2. Wenn die Pflegebedürftige angibt, sich nie die Zähne zu putzen, wäre dies sicherlich eine Unterversorgung.

Praktisch muss der Gutachter mit dem Pflegebedürftigen die täglich wiederkehrenden Verrichtungen einzeln durchgehen und fragen, was wie lange dauert. Zur Abgrenzung der einzelnen Verrichtungen gibt es die genaue Beschreibung in der Begutachtungsanleitung.

Problematisch wird es, wenn der Pflegebedürftige etwas nicht (genau) weiss oder keine Antwort gibt: welche Zeiten setzt der Gutachter dann an? Damit der Prüfer in solchen Fällen nicht seine 'eigenen' Zeiten ansetzt, wurden die "Zeitkorridore" entwickelt.

Die "Zeitkorridore" sollen hier dem Gutachter helfen, trotzdem eine sachgerechte Begutachtung durchführen zu können. Sie sollen ihm als "Orientierungsrahmen oder Anhaltsgröße" dienen, sind aber ausdrücklich "keine verbindlichen Vorgaben" und entbinden den Gutachter nicht davon, die jeweilige individuelle Zeit zu erfassen.

Wichtig zu wissen ist auch, dass die Zeitkorridore nur für die Hilfeart: "vollständige Übernahme" der Verrichtung durch eine Laienpflegekraft festgelegt wurden (praktisch bedeutet dies: der Pflegebedürftige macht bei der Verrichtung weder mit noch wehrt er sich dagegen, sondern verhält sich nur passiv!). Bei jeder anderen Hilfeart sind andere Zeiten zu erwarten. Dies gilt auch insbesondere bei der Begutachtung von Menschen mit psychischen Veränderungen, wozu auch die Demenzen gehören. "Abweichungen von den Zeitorientierungswerten, hin zu einem höheren Zeitaufwand für die Beaufsichtigung und Anleitung sind zu erwarten und müssen entsprechend begründet werden." (Anlage F: Orientierungswerte...).

Wenn der Pflegebedürftige nur von professionellen Fachkräften versorgt wird (wie beispielsweise auch im Pflegeheim), sind zunächst die Zeiten der Zeitkorridore zu nehmen, es sei denn, die aktivierende Pflege der Fachkräfte dauert länger (und ist natürlich auch sachgerecht).

Für längere oder kürzere Versorgungszeiten können auch generelle Erschwernis- oder Erleichterungsfaktoren ausschlaggebend sein wie beispielsweise ein sehr hohes oder sehr niedriges Körpergewicht. Solche Faktoren sind im Gutachten anzugeben.

Zu allen Verrichtungen bzw. Teilverrichtungen gehören jeweils auch die Vor- und Nachbereitung

Beispiel:

Wird der Pflegebedürftige im Bett gewaschen, so gehören das Waschzeug holen und wegbringen zur Verrichtung bzw. zum Orientierungswert dazu.

Begutachtung im Heim

Die Begutachtung im Pflegeheim unterscheidet sich nicht von der Begutachtung Zuhause in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus. Da jedoch die Wohnsituation im Pflegeheim anders (baulich günstiger) ist, wird zur Ermittlung der Versorgungszeiten im Pflegeheim von einer durchschnittlichen baulichen Situation ausgegangen: die (fiktive) Wohnung liegt dann im Ersten Stock (ohne Aufzug), hat zwei Zimmer, Küche, Diele Bad, ist ein Zweipersonenhaushalt und hat keine barrierefreie Ausstattung (z.B. normales Badezimmer).

Verrichtungsbezogenen krankenspezifischen Pflegemaßnahmen

Die sogenannten "verrichtungsbezogenen krankenspezifischen Pflegemaßnahmen" sind eigentlich Maßnahmen der Behandlungspflege, die jedoch untrennbar mit den täglich wiederkehrenden Verrichtungen verbunden sind: beispielsweise das Einreiben mit besonderer ärztlich verordneter Hautcreme nach dem Baden oder das Anziehen von Kompressionsstrümpfen beim An- und Auskleiden. 

Bis März 2007 gab es hier eine rechtlich unklare Situation, wer diese Behandlungspflege zu finanzieren hätte (Krankenversicherung oder Pflegeversicherung). Seit der Gesundheitsreform 2007 ist eindeutig geklärt, dass der Zeitaufwand bei der Einstufung zu berücksichtigen und gleichzeitig die Leistung weiterhin als Behandlungspflege von der Krankenkasse zu finanzieren ist.

Verrichtungsbezogene krankenspezifische Pflegemaßnahmen sind nicht in den Zeitkorridoren berücksichtigt und führen daher auch zu längeren Versorgungszeiten.

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