Ivette Riegel

Orientierungswerte

Die Orientierungswerte sind in die drei Gruppen Körperpflege, Ernährung und Mobilität eingeteilt.

Zu allen Verrichtungen bzw. Teilverrichtungen gehören jeweils auch die Vor- und Nachbereitung, deren Zeit ebenfalls in den Zeitkorridoren berücksichtigt ist.

Beispiel:

Wird der Pflegebedürftige im Bett gewaschen, so gehören das Waschzeug holen und wegbringen zur Verrichtung bzw. zum Orientierungswert dazu.

Orientierungswerte der Körperpflege

Die Hautpflege gehört jeweils zur Körperpflege, nicht jedoch das Schminken. Auch Haarewaschen zählt zur Körperpflege, auch wenn es bei den Verrichtungen nicht gesondert aufgeführt ist. Es ist Bestandteil des Waschens, auch alleinige Haarwäsche wird als Waschen angerechnet. Hinweis zur Körperpflege: der Pflegebedürftige ist waschfertig ausgezogen, An- und Auskleiden siehe unten

1. Waschen

  • Ganzkörperwäsche: (GK): 20 bis 25 Min.
  • Teilwäsche Oberkörper: (OK): 8 bis 10 Min.
  • Teilwäsche Unterkörper: (UK): 12 bis 15 Min.
  • Teilwäsche Hände/Gesicht: (H/G): 1 bis 2 Min.

Während die Intimwaschungen hier zu berücksichtigen sind, ist die Durchführung einer Intimhygiene z. B. nach dem Toilettengang der Verrichtung "Darm und Blasenentleerung" zuzuordnen.

2. Duschen

  • Duschen: 15 bis 20 Min.

Hilfestellung beim Betreten der Duschtasse, bzw. beim Umsetzen des Antragstellers z. B. auf einen Duschstuhl, ist im Bereich der Mobilität "Stehen" zu berücksichtigen. Wenn bei dieser Verrichtung nur Teilhilfen (Abtrocknen/Teilwaschungen) anfallen, kann der Zeitorientierungswert nur anteilig berücksichtigt werden.

3. Baden

  • Baden: 20 bis 25 Min.

Eine Hilfestellung beim Einsteigen in die Badewanne ist im Bereich der Mobilität "Stehen" zu berücksichtigen. Wenn bei dieser Verrichtung nur Teilhilfen (Abtrocknen/Teilwaschungen) anfallen, kann der Zeitorientierungswert nur anteilig berücksichtigt werden.

4. Zahnpflege

  • Zahnpflege: 5 Min.

So weit nur Mundpflege erforderlich ist, kann der Zeitorientierungswert nur anteilig berücksichtigt werden.

5. Kämmen

  • Kämmen: 1 bis 3 Min.

Kämmen meint das Herrichten der Tagesfrisur. Haare aufdrehen, Dauerwellen sind kein Bestandteil der Grundpflege, ebenso nicht das Haareschneiden.

6. Rasieren

  • Rasieren: 5 bis 10 Min.

7. Darm- und Blasenentleerung

Nicht zu berücksichtigen ist unter diesen Verrichtungen die eventuell eingeschränkte Gehfähigkeit beim Aufsuchen und Verlassen der Toilette. Kann der Antragsteller die Toilette nur deshalb nicht alleine aufsuchen, ist dies unter "Gehen" im Bereich der Mobilität festzustellen und zeitlich zu bewerten.

  • Wasserlassen (Intimhygiene, Toilettenspülung ): 2 bis 3 Min.
  • Stuhlgang (Intimhygiene, Toilettenspülung ): 3 bis 6 Min.
  • Richten der Bekleidung: insgesamt 2 Min.
  • Wechseln von Windeln (Intimhygiene, Entsorgung)
  • nach Wasserlassen: 4 bis 6 Min.
  • nach Stuhlgang: 7 bis 10 Min.
  • Wechsel kleiner Vorlagen: 1 bis 2 Min.

Beachte: Der im Rahmen eines Toilettentrainings erforderliche Windelwechsel ist von seinem zeitlichen Aufwand her in der Regel sehr viel geringer ausgeprägt als ein üblicher Windelwechsel, dem eine unkontrollierte und ungeregelte Harnblasen- und Darmentleerung zugrunde liegt.

  • Wechseln/Entleeren des Urinbeutels: 2 bis 3 Min.
  • Wechseln/Entleeren des Stomabeutels: 3 bis 4 Min.

Verrichtungsbezogene krankheitsspezifische Pflegemaßnahmen der Körperpflege

Der Zeitaufwand hierfür ist zusätzlich zu berücksichtigen:

Beim Waschen/Duschen/Baden

  • oro/tracheale Sekretabsaugung
  • Einreiben mit Dermatika (ärztlich verordnete Einreibung, nicht reine Hautpflegeprodukte!)

Bei der Darm- und Blasenentleerung

  • Klistier/Einlauf
  • Einmalkatheterisieren

Orientierungswerte der Ernährung

8. Mundgerechtes Zubereiten der Nahrung

Hierzu zählen nicht das Kochen oder das Eindecken des Tisches. Die Zubereitung von Diäten ist nicht hier, sondern unter der lfd. Nr. 17 "Kochen" zu berücksichtigen. "Mundgerechtes Zubereiten" meint hier, ein schon fertiges Essen (z.B. Schweineschnitzel) so weit mundgerecht zu zerkleinern, wie es für den Pflegebedürftigen notwendig ist.

  • Mundgerechte Zubereitung einer Hauptmahlzeit (einschließlich des Bereitstellens eines Getränkes): je 2 bis 3 Min.

So weit nur eine Zwischenmahlzeit mundgerecht zubereitet oder ein Getränk
bereitgestellt werden, kann der Zeitorientierungswert nur anteilig berücksichtigt werden.

9. Aufnahme der Nahrung

Anreichen der Nahrung; die Hilfe kann auch bei Dementen allein in der (permanenten) Aufforderung zum Essen bestehen, wenn ohne diese der Pflegebedürftige nicht essen würde.

  • Essen von Hauptmahlzeiten einschließlich Trinken (max. 3 Hauptmahlzeiten pro Tag): je 15 bis 20 Min.

Die Orientierungswerte berücksichtigen nur die Hauptmahlzeiten, die evtl. vorhandenen Zwischenmahlzeiten sind hier nicht genannt, trotzdem aber zu berücksichtigen! Das ist gerade bei Menschen mit Schluckbeschwerden von Bedeutung, die viele über den Tag verteilte kleine Mahlzeiten einnahmen.

Verrichtungsbezogene krankheitsspezifische Pflegemaßnahmen der Ernährung

Der Zeitaufwand hierfür ist zusätzlich zu berücksichtigen:

  • oro-/tracheale Sekretabsaugung
  • Wechseln einer Sprechkanüle gegen eine Dauerkanüle bei Tracheostoma

Orientierungswerte der Mobilität

Als Hilfebedarf im Bereich Mobilität wird nur der Aufwand innerhalb der eigenen Wohnung berücksichtigt. Die Zeitweite sind, vor allem beim Gehen und Treppensteigen, abhängig von der baulichen Situation und Größe der Wohnung.

10. Selbständiges Aufstehen und Zubettgehen

  • einfache Hilfe zum Aufstehen/zu Bett gehen: je 1 bis 2 Min.

Der durch das Umlagern tagsüber und/oder nachts anfallende Pflegeaufwand nach Häufigkeit und Zeit wird als Bestandteil der Körperpflege, Ernährung oder Mobilität betrachtet und entsprechend berücksichtigt. Dabei wird so verfahren, dass der notwendige Hilfebedarf unabhängig davon, ob das Umlagern solitär oder im Zusammenhang mit den Verrichtungen der Körperpflege, Ernährung oder Mobilität durchgeführt wird, hier zu dokumentieren ist.

  • Umlagern: 2 bis 3 Min.

11. An- und Auskleiden

Das komplette An- und Auskleiden betrifft sowohl den Ober- als auch den Unterkörper. Daneben kommen aber auch Teilbekleidungen und Teilentkleidungen sowohl des Ober- als auch des Unterkörpers vor und müssen gesondert berücksichtigt werden. Bei der Verrichtung Ankleiden ist das Ausziehen von Nachtwäsche und das Anziehen von Tagesbekleidung als ein Vorgang zu werten. Bei der Verrichtung Auskleiden ist das Ausziehen von Tagesbekleidung und das Anziehen von Nachtwäsche als ein Vorgang zu werten.

Bei der Feststellung des Zeitaufwandes für das An- und Ablegen von Prothesen, Orthesen, Korsetts und Stützstrümpfen hat der Gutachter aufgrund einer eigenen Inaugenscheinnahme den Zeitaufwand individuell zu messen.

  • Ankleiden gesamt: (GK): 8 bis 10 Min.
  • Ankleiden Oberkörper/Unterkörper: (TK): 5 bis 6 Min.
  • Entkleiden gesamt: (GE): 4 bis 6 Min.
  • Entkleiden Oberkörper/Unterkörper: (TE): 2 bis 3 Min.

12. Gehen

Die Vorgabe von orientierenden Zeitwerten ist aufgrund der unterschiedlichen Wegstrecken, die seitens des Antragstellers im Rahmen der gesetzlich definierten Verrichtungen zu bewältigen sind, nicht möglich. Wichtig bei der Erfassung ist jedoch die Häufigkeit der Verrichtung "Gehen". Dabei zählt jeder Weg einzeln, also ein Gang zur Toilette und zurück ergibt somit zwei x Gehen. Die Dauer hängt auch wesentlich von der Wohnsituation und den so entstehenden Wegen zusammen.

13. Stehen (Transfer)

Notwendige Hilfestellungen beim Stehen sind im Hinblick auf die Durchführung der gesetzlich vorgegebenen Verrichtungen im Rahmen aller anfallenden notwendigen Handlungen zeitlich berücksichtigt (siehe aber auch lfd. Nr. 15). Als Hilfebedarf ist ausschließlich der Transfer zu berücksichtigen. Hierzu zählt z. B. das Umsetzen von einem Rollstuhl/Sessel auf einen Toilettenstuhl oder der Transfer in eine Badewanne oder Duschtasse. Jeder Transfer ist einzeln zu berücksichtigen (Hin- und Rücktransfer = 2 x Transfer).

  • Transfer auf den bzw. vom Rollstuhl/Toilettenstuhl/Toilette in die bzw. aus der Badewanne/Duschtasse: je 1 Min.

14. Treppensteigen

Keine andere Verrichtung im Bereich der Grundpflege ist so abhängig vom individuellen Wohnbereich des Antragstellers wie das Treppensteigen. Aus diesem Grund ist die Vorgabe eines Zeitorientierungswerts nicht möglich.

15. Verlassen und Wiederaufsuchen der Wohnung

Das Verlassen der Wohnung wird nur dann berücksichtigt, wenn die damit verbundene Maßnahme der unmittelbaren Auftrechterhaltung der Lebensführung zu Hause dienst und das persönliche Erscheinen erforderlich ist. Das umfasst regelmäßige Besuche beim Arzt, Therapien, aber auch Behördenbesuche. Voraussetzung für die Anerkennung ist allerdings, das regelmäßig (mindestens einmal pro Woche) und auf Dauer (voraussichtlich für mindestens 6 Monate) notwendige Verlassen der Wohnung. Andere regelmäßigen Aktivitäten wie gemeinsames Einkaufen oder Spazierengehen wird nicht berücksichtigt.

Die Vorgabe von Zeitorientierungswerten ist nicht möglich. Die Zeiten sind individuell zu erheben. Bei Wartezeiten im Zusammenhang mit dem Aufsuchen von Ärzten und Therapeuten können bis zu 45 Minuten angesetzt werden.

Verrichtungsbezogene krankheitsspezifische Pflegemaßnahmen der Mobilität

Der Zeitaufwand hierfür ist zusätzlich zu berücksichtigen:

Beim Aufstehen/zu-Bett-Gehen

  • Maßnahmen zur Sekretelimination bei Mukoviszidose oder Erkrankungen mit vergleichbarem Hilfebedarf

Beim An- und Auskleiden

  • Anziehen von Kompressionsstrümpfen ab Kompressionsklasse 2
  • Ausziehen von Kompressionsstrümpfen ab Kompressionsklasse 2

Nach oben